100 Jahre Firmengeschichte

das erste Geschäft, heute Sport Keppeler
das erste Geschäft, heute Sport Keppeler

 

Der 1897 geborene Schmied- und Postbotensohn Alois Schraufstetter, nachfolgend genannt der I., übernahm 1921 als 24 jähriger Friseur das Geschäft des Baders Reichel in der Bahnhofstrasse, auf dem die älteste Baderkonzession Deggendorfs ruhte. Es handelte sich um ein Haus der Brauerei Haller, später auch Gasthof Zwickl, heute Keppeler und mit der Übernahme begann eine sehr typische Deggendorfer Handwerksgeschichte.

In seinem Bestreben nach Selbständigkeit hatte den jungen Handwerker die Bauerntochter Anna Fröhler aus Obergriesgraben bei Schöllnach unterstützt, die er im April 1921 geheiratet hatte. Anna Schraufstetter, geb. Fröhler, entstammte einer alten Handwerkerfamilie, die beispielsweise der Gründungsrektor der Universität Linz, Professor Dr. Fröhler, angehört, der Verfasser des Standardwerks zum deutschen Handwerksrecht ist. Die junge Frau selbst hatte zuvor als Köchin unter anderem bei der Brauereifamilie Streibl in Hengersberg gearbeitet, aus der der ehemalige bayerische Finanzminister und Ministerpräsident Max Streibl hervorging; sie arbeitete aber auch in der Deggendorfer Kaufmannsfamilie Stern und bei Baumeister Raith.

Das Barbier- und Baderhandwerk hatte Alois I. bei Deggendorfs letztem approbierten Bader und Friseur, Ludwig Wenzl, erlernt, als Geselle bei Franz Pölsterl (Plattling) und bei Watzinger-Hans in Deggendorf, gearbeitet und 1920 die Meisterprüfung bestanden. Sein erstes eigenes Geschäft richtete er auf Kredit ein, im Herrensalon beschäftigte er je einen Gesellen und Lehrbuben. Schon 1933 wechselte er in das gegenüberliegende Haus Bahnhofstraße 22 (neben der ehemaligen Metzgerei Schiller): Auch hier war Schraufstetter I. in einem alten Bad- und Baderhaus, einst Eigentum des Klosters Metten. 1934 stellte er die „Wiener Friseuse“ Julia Balmetzhofer ein und eröffnete den Damensalon.

 

In der Mitte Alois I
In der Mitte Alois I

 

Alois I, der die Deggendorfer Friseurinnung wieder belebt hatte, übergab 1962 sein Geschäft an den 1923 geborenen Sohn Alois Schraufstetter den II. Alois I starb 1963, seine Frau Anna 1969 (bis zuletzt mit im Geschäft tätig) Auch Alois der II verdankte seine geschäftlichen Erfolge nicht zuletzt seiner Ehefrau. Diese, Friedl Zwirnlein, genannt „Seppl“, war kaufmännische Angestellte. 1945 war sie mit zwei eigenen Pferden und einem Wagen im großen Treck aus Ostpreußen nach Deggendorf gekommen, hatte alsbald eine Werkküche und ein Fuhrgeschäft eröffnet und ihre Pferde in Stallungen der Brauerei Kroiss in der Bahnhofstraße (später „Münchner Bierstüberl“, heute Arcohaus) untergebracht. Auf dem Luxusschiff des ungarischen Verwesers Admiral Horthy, das vor den einrückenden Russen nach Deggendorf gebracht worden war und hier zu abendlichen Fahrten auf der Donau als Tanzschiff verwendet wurde, hatte Alois II die tatkräftige Frau kennen gelernt, und da sie täglich auf dem Wege zum Kroiss-Pferdestall am Geschäft Schraufstetter vorüberkam, vertiefte sich die Bekanntschaft; 1952 fand die Hochzeit statt. Das Geschäft wuchs stetig weiter, in den fünfziger Jahren war es auf acht Beschäftigte angewachsen. 1970 wurden ohne Eigenmittel durch Alois II und Friedl Schraufstetter das Geschäftshaus in der heutigen Bahnhofstraße 67 erworben. Hier entstand auf rund 120 m² der heutige Salon mit 17 Bedienungsplätzen. 10 Beschäftigte übernahmen ihre Aufgabe im Dienste der Schönheit und der Körperpflege.

Alois II
Alois II

 

Alois II begann nach Abschluss der Volksschule die Lehre im elterlichen Betrieb (1937 – 1939). Er war Kreissieger im Berufswettkampf der deutschen Handwerksjugend. Auch er hatte wie später sein Sohn die Gesellenprüfung in beiden Fächern mit der Bestnote bestanden. Er musste zum Militär, war als Soldat Sanitätsgefreiter bei der 7. Gebirgsdivision in Bad Kissingen. Er wurde ausgebildet in Passau und in St. Johann in Tirol. Er war in Karelien, Finnland und Norwegen eingesetzt, in amerikanischer, britischer sowie in norwegischer Gefangenschaft, schließlich bei den Franzosen gefangen: 1945 kehrte er nach Deggendorf heim. An der Front in Norwegen und Finnland rettete ihm sein Beruf mehrmals das Leben. Als Laufbursche eines Offiziers konnte er frühzeitig seine Geschicke im Umgang mit Haaren unter Beweis stellen. Er frisierte sich quasi durch alle Offiziersstuben, vornehmlich bediente er die Offiziersdamen. Er galt als heiß begehrter Damenfriseur. Nur durch ein Wunder überlebte er die Zeit der Gefangenschaft und der damalige Friseurkollege und spätere Oberbürgermeister Berthold Heckscher rettete ihm durch die Ausstellung, bzw. Beschaffung gefälschter Papiere, sprichwörtlich das Leben.

1948 legte er die Meisterprüfung ab und trat mit 20.—DM Wochenlohn wieder in den elterlichen Betrieb ein. Er wurde Mitglied des Moderings, machte im Team der späteren Weltmeisterin Waltraud Kaiser (Chefetage Fa. Wella) Schaufrisier-Tourneen im In-und Ausland mit, wurde 1952 Innungsgeschäftsführer als Mitarbeiter des Vaters, der Obermeister der alten Friseurinnung war, der noch approbierte Bader angehört hatten. Vater und Sohn gemeinsam erreichten die Eröffnung der ersten bayerischen Friseurfachschule in Deggendorf. Alois II wurde Mitglied des Meisterprüfungsausschusses und Obermeister der neuen Innung Deggendorf/ Viechtach/ Landau/ Dingolfing. Er wurde schließlich Leiter der überbetrieblichen Unterweisungskurse der Handwerkskammer und zugleich Leiter der Ostbayerischen Meisterschule und der Kosmetikschule Deggendorf. Übrigens: Alle modernen vereinheitlichten Ausbildungs- und Prüfungsmethoden, wie sie heute auf Bundesebene Pflicht sind, nahmen unter ihm in Deggendorf ihren Ausgang. Hier war maßgeblich der hervorragende Redner Anton Eid beteiligt, der eigentlich der Erfinder der programmierten Prüfung war. Sein bester Freund und er blieb es bis zu seinem Tod war sein Kollege „TONI“ der ewige Stellvertreter, wie er sich selbst bezeichnete. Anton Eid, der Meisterfigaro und ehemalige Konditor, begleitete ihn in seinem ganzen Leben.

Schraufstetter II wurde Jugendschöffe, Arbeitsrichter und Finanzrichter, er gehörte der Vollversammlung und des Vorstandes der Handwerkskammer an, war Vorsitzender der AOK-Vertreterversammlung und bekleidete zusätzlich das Amt eines vereidigten öffentlich bestellten Sachverständigen. Seine Verdienste wurden gebührend gewürdigt. Der Bundesverdienstorden am Bande und erster Klasse, sowie die hohe Auszeichnung mit dem Bayerischen Verdienstorden bleiben unvergessen. Es wäre müßig alle weiteren Auszeichnungen aufzuführen. Die Heimatstadt Deggendorf unter Oberbürgermeister Dieter Görlitz ehrte Schraufstetter II. mit dem goldenen Ehrenring.

Die Wahl des Kreishandwerksmeisters war nur die Folge einer Anhäufung von zahlreichen Ehren- und Wahlämtern. In über 20 Jahren blühte das Handwerk in Deggendorf auf und es kam zu einem Stellenwert, den es sicherlich niemals erreicht hätte. Unvergessen  bleiben die zwei Ausstellungen „Handwerk anno dazumal“, wo in lebendigen Werkstätten das alte Handwerk wiederbelebt wurde. Alle zusammengetragenen Ausstellungsstücke wurden dem heutigen Deggendorfer Handwerksmuseum überlassen. Die Schaffung eines Handwerksmuseum war Schrauferls II Einfall und wurde nach langen Verhandlungen im ehemaligen Baywagebäude, direkt neben dem Kolpingshaus, umgesetzt. Die Kontakte von „Schrauferl II“ reichten bis zur Bundesregierung und so mancher hochrangige Politiker machte sich ohne Scham dieser Kontakte nützlich. Der Landesvater Franz-Josef-Strauß war mehrmals persönlich bei seinem „Schrauferl“, bis zu seinem Tod pflegte Alois II die Kontakte zur Familie Strauß, besonders zu Franz Josef´s Schwester Maria Strauß. Die Renovierung der Geiersbergkirche war sein letzter Streich. Unmengen an Geld wurde für die Sanierung zusammengetragen und die Handwerker und die Bauernbruderschaft schafften das Unmögliche. Auch Maria Strauß spendete immer wieder und kam öfters auf den Geiersberg nach Deggendorf. Jedes Jahr findet zu Ehren von Schrauferl II eine Handwerkerwallfahrt zur Hl. Mutter Gottes auf den Geiersberg statt.

Schrauferl machte eigentlich nur einen einzigen Fehler und dies wiederholte er mehrmals. „Ich hätte niemals in die richtige Politik einsteigen sollen. Mit der Wahl zum Stadtrat habe ich mir keinen Gefallen getan, ich kann nicht so handeln wie ich denke“ Dies verwunderte niemanden, denn er liebte seine Entscheidungsfreiheit.

Im Oktober 1995 verstarb er in der Klinik Hausstein, an deren Wiedereröffnung er als AOK-Vorsitzender maßgeblich beteiligt war.

Zum 90. Geburtstag am 31.01.2013 trafen sich die ehemaligen Freunde am Grab von Alois II. Sie gedachten seiner und legten u.a. eine laminierte Handwerkerzeitung nieder.

 

Dabei waren: (von links nach rechts)

Chefredakteur der PNP Ernst Fuchs, Alt OB Dieter Görlitz, Stadt- u. Kreisrat und Vertreter des Handwerks Manfred Eiberweiser, Marlene Karl, Hardy Dobler AOK-Vorstand a.D., Stadträtin Cornelia Wohlhüter, AOK Direktor a.D. Gerard Zacher, Altlandrat Dr. Georg Karl, Prinz Schönaich von Carolath, Prinzession Schöniach von Carolath

Foto: Alois Schraufstetter III


Alois III, der heutige Inhaber
Alois III, der heutige Inhaber

 

Alois Schraufstetter der III

1957 als einziger Sohn geboren. Auch er trat nach dem Abschluss der Realschule Plattling (1974) als Lehrling in den elterlichen Betrieb ein. 1976 bestand er nach verkürzter Lehre die Gesellenprüfung mit „sehr gut“. Er wurde Innungs- und Kammersieger und zweiter bayerischer Landessieger. 1977 errang er den Titel „Bayerischer Juniorenmeister im Friseurhandwerk und belegte achtliche Erfolge in der A-Klasse bei den Senioren. Alois III bestand als 20 jähriger die Meisterprüfung mit Bestnoten und bekam aus den Händen von Minister Alfred Dick die Goldmedaille für besondere Leistungen. Bereits 1982, kurz nach dem Tod seiner Mutter „Seppl“  musste er die Salonleitung übernehmen, nachdem der Vater durch seine Handwerkspolitik keine Zeit mehr hatte. 1982 heirate er Sieglinde Winter, Büroangestellte in der Kreishandwerkerschaft, und holte sie sofort in sein Geschäft. Es blieb natürlich nicht beim Büro und die Ehefrau wurde innerhalb drei Jahren zur Friseuse umgeschult. Die erfolgreiche Meisterprüfung war selbstverständlich.

Bereits 1973 trat Alois III in die Freiwillige Feuerwehr Deggendorf ein. (siehe nächsten Absatz)

Nach dem Tod des Vaters (1995) wurde er als dritter Schrauferl in Folge als Obermeister der Friseurinnung gewählt. Zu seiner Seite stand bis zu seinem Tod, Vaters Freund, Anton Eid. (seit 1999 stv. OM Georg Haimerl, Landau)Nach 18 Jahren stellte er sich 2013 nicht mehr zur Wahl. Zusammen mit seinem jahrzehntelangen Freund dem Geschäftsführer Josef Kaiser beendet er diese "Serie"."76 Jahre Schraufstetterische Schreckensherrschaft sind genug" so sein Kommentar.

 

Schraufstetter III war bis Ende 2012 Mitglied des Vorstandes der Kreishandwerkerschaft, Finanzrichter am 13. Senat in München, und Arbeitsrichter bei der Kammer Passau/Deggendorf (bis 2013). Die höchste Stufe seiner Berufslaufbahn errang er 1999 mit der Vereidigung zum öffentlich bestellten Sachverständigen im Friseurhandwerk.  

Feuerwehrmann
Feuerwehrmann

 

Es wäre kein Schrauferl wenn:

Schon frühzeitig interessierte sich Schrauferl III für die Feuerwehr. Mit 14 Jahren trat er in die Feuerwehr Deggendorf ein, wo der spätere Schwiegervater (Siegfried Winter) das Amt des einzigen Berufsfeuerwehrmannes des Landkreises bekleidete, kam dadurch der Bundeswehr aus und absolvierte einen Lehrgang nach dem anderen. Bereits 1982 wurde er zum Stadtbrandmeister und 2. Vorstand gewählt, bevor er 1984 die Gesamtverantwortung als Stadtbrandinspektor und 1. Vorstand übernahm. Im Dezember 2013 wurde er zum Kreisbrandrat gewählt. Nach 31 Jahren als Stadtkommandant wechselt er in das höchste Feuerwehramt des Landkreises. Weit über 13 000 Einsätze wurden durch seine Person gefahren und bewältigt. Durch sein großes Engagement wurde ihm am 40.Geburtstag die höchste bayerische Feuerwehrauszeichnung verliehen. Aus den Händen des Regierungspräsidenten erhielt er das Steckkreuz des Freistaates Bayern.

 

Alois Schraufstetter III stellte sich 2008 den Kommunalwahlen und erreichte in der CSU-Stadtratsmannschaft die viertmeisten Stimmen im Stadtgebiet. Auch der Einzug in den Kreistag des Landkreises Deggendorf war kein Problem, von Platz 27 wurde Platz 15 erobert. Er ist Mitglied in vielen Senaten, zudem Aufsichtsrat der Stadtbau GmbH und Verbandsrat des Zweckverbandes "Rettungsleitstelle Straubing". Desweiteren ist er Mitglied im Beirat der AOK und im AOK Widerspruchsausschuss. 2014 wird Schraufstetter Wieder zur Kommunalwahl antreten.  Auf der CSU Stadtratsliste hat er Platz 3(nach der Wahl Platz 1)  und auf der Kreistagsliste Platz 14 (nach der Wahl Platz 9). "Es macht Spaß und die Aufgaben und Einblicke sind eine enorme Herausforderung".

 

2013 wurde er zum Kreisbrandrat des Landkreises gewählt. 94 Feuerwehren gehören zu seinem "Hobby. Er sitzt im Landratsamt und die neue Aufgabe macht Spaß. Bereits vor 15 Jahren gründete er eine zweite Firma, das Deggendorfer Brandschutzteam. Die Auslastung ist enorm.

deshalb..... Eine Ära endet auch einmal:

Nachdem Schraufstetter mit seinen anderen Berufszweigen voll ausgelastet ist und er seiner Ehefrau eigentlich zu viel zumutet, wurde der Salon zum 27.04.2014 geschlossen. Fast 100 Jahre waren es, aber Nachfolger sind nicht in Sicht und für jeden kommt einmal der Tag des Abschieds. Schraufstetter betreibt mit seiner Frau weiterhin den Perückenverkauf für Damen. Termine können unter 0991-5256 jederzeit vereinbart werden. Sein Friseurgewerbe hat er auch nicht abgemeldet, denn: "Hin und wieder, wenn es halt die Zeit erlaubt, schneide ich meine alten Freunde nach wie vor. Man will ja auch nicht aus der Übung kommen" "Zielobjekte gibt es noch genügend, nur manchmal fehlt einfach die Zeit...!"

 

Den Schrauferl gibt es zweimal!

Der ehemalige Lehrbub Wolfgang Haider wurde 2014 zum Bürgermeister in Iggensbach gewählt. Nachdem ich als Kreisbrandrat die erste Veranstaltung in Iggensbach besuchte wunderte ich mich, dass hier alle  über mich reden! Weit gefehlt! Seit Jahrzehnten hat Wolfgang den Spitznamen "Schrauferl". Wie man sieht, ein Schrauferl im Landkreis reicht nicht aus!